• DE

Passwort vergessen?

Einhundert Mal "Seele trifft auf Schule"

Der Verein "Hilfe für psychisch Kranke e.V. Bonn/Rhein-Sieg" feierte am 3. Mai 2017 großes Jubiläum an der Europa-Gesamtschule in Troisdorf

von Peter Heuchemer

"Was macht eigentlich einen seelisch gesunden Menschen aus?" Es ist eine kleine und doch nicht leicht zu beantwortende Frage, die Experte Mike Godyla in die Runde der versammelten Oberstufenschülerinnen und Schüler der Europaschule Troisdorf stellt. Zuerst stößt der Fachpfleger für Psychiatrie vor allem auf fragende Blicke – vielleicht schämen sich manche der Schüler, über so ein schwieriges Thema zu sprechen? Doch mit seiner offenen und direkten Art hat Godyla das Eis schnell gebrochen. Die Schüler werden aufgeschlossener und ein Dialog entspinnt sich. Ein Zwischenfazit der Diskussion: "Es sind die kleinen Dinge, die seelische Gesundheit ausmachen: Genussfähig bleiben, Kontakte knüpfen und halten, den Tag strukturieren können. Wenn das nicht mehr klappt, dann hat man wahrscheinlich eine seelische Erkrankung", erklärt Godyla, der auf einer psychiatrischen Station arbeitet und Pflegekräfte ausbildet.

Auf Menschen zugehen, Tabuthemen ansprechen, aufklären, Barrieren abbauen – die Gespräche zwischen dem Experten und dem jungem Publikum auf der Informationsveranstaltung von Seele trifft auf Schule in Troisdorf veranschaulichen eindrucksvoll das Konzept des Projekts. Ein Beleg für dessen außerordentlichen Erfolg ist das runde Jubiläum, dass das Team um Uwe Flohr vom Verein "Hilfe für psychisch Kranke e.V. Bonn/Rhein Sieg e.V." (HfpK) an diesem Tag mit der einhundertsten Veranstaltung feiert. Ziel ist es, Vorurteile abzubauen und die Teilnehmer über moderne Therapien, vorbeugende Maßnahmen und gemeindepsychiatrische Hilfsangebote zu informieren.

Zu den ersten Gratulantinnen gehörte zu Beginn der Veranstaltung Dr. Eva Schönemann, Schulleiterin der Gesamtschule „An unserer Schule begann die Zusammenarbeit mit Seele trifft auf Schule 2013 durch eine Fortbildung für Lehrer zum Thema psychische Erkrankungen, und heute dürfen wir Sie schon zum dritten Mal bei uns begrüßen. Wir sind sehr froh, mit HfpK einen so zuverlässigen Ansprechpartner für dieses oft schwierige Thema zu haben.“ Uwe Flohr, stellvertretender Vorsitzender des Dachverbandsmitglieds HfpK und an diesem Tag zum letzten Mal als Leiter des Projekts auf der Bühne, verwies stolz auf die erfolgreiche Geschichte von Seele trifft auf Schule: „Seit 2002 haben rund 6.500 Schüler, Pädagogen und Eltern an unseren Veranstaltungen teilgenommen. Wir haben mittlerweile einen festen Platz an vielen Schulen.“ Er begrüßte auch die Gäste, die zum Jubiläum eingeladen waren, darunter auch Peter Heuchemer, Referent beim Dachverband Gemeindepsychiatrie sowie Teresa Enke, Vorsitzende der Robert-Enke-Stiftung, die das Projekt zum wiederholten Male finanziell gefördert hatte.

Betroffene berichten Schülern von ihren Erfahrungen

Nachdem er im Dialog mit den Schülern die Grundlagen erklärt hatte, spricht Fachpfleger Mike Godyla Krankheitsbilder wie Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen an und erklärt, wie sie ausgelöst werden können, welche Muster man in den Störungen erkennen kann und was sie mit dem betroffenen Menschen machen. Bisher ist dies alles noch sehr theoretisch. Das ändert sich, als Sabine Joel die Bühne betritt und aus Ihrem Leben und von ihrer eigenen psychischen Erkrankungen berichtet. Während vorher beim Thema "Suchtmittelkonsum" noch viele Schüler scherzten und kicherten, herrscht vollständige Stille, als Frau Joel spricht: „Ich stand voll im Leben und es ging mir oberflächlich gut. Ich arbeitete als Reiseverkehrsfrau und führte gerade eine Gruppe auf einer Reise durch China, als ich plötzlich sehr starke Erschöpfungssymptome und Lähmungen bekam. Ich kam erst in Peking ins Krankenhaus und fuhr dann nach Hause. Die Diagnose: Burnout. Ich nahm es hin und dachte: das wird schon wieder, halb so wild. Ich versuchte weiterzuleben wie bisher, hatte aber keinen Antrieb mehr. Auf der Arbeit machte ich viele Fehler, fehlte oft. Auch privat hatte ich keine Lust auf Aktivitäten mit Freunden und isolierte mich. Als dann vom meinem Arbeitgeber nach mehreren Abmahnungen die Kündigung kam, da war ich insgeheim froh." Joel berichtet auch von Ihrem Umfeld, das zunächst mit Unverständnis reagiert. "Stell dich nicht so an!" habe man ihr gesagt.

"Ich fühlte mich nutzlos, einsam und verzweifelt. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und habe mich in der Psychiatrie vorgestellt. Dort sagte mir der Arzt den Satz, den ich nie vergessen werde: Sie haben eine Depression – und das bekommen wir wieder hin." Joels Stimme bebt, als sie erzählt. Man merkt, wie nahe ihr die Erlebnisse gehen und wie wichtig es war, jemanden zu finden, der ihr Mut macht und sie begleitet. Auch die Schüler zeigen sich beeindruckt von den Schilderungen. Mit dem Beginn der Therapie ging es Frau Joel Schritt für Schritt besser, auch wenn es immer wieder Rückschläge gibt. Sie macht eine medizinische und berufliche Reha und schließlich eine Weiterbildung zur EX-IN-Genesungsbegleiterin, die sie dazu befähigt, als Psychiatrie-Erfahrene im Team mit Ärzten und Pflegern andere Menschen in seelischen Krisen zu unterstützen. "Ich habe dabei sehr viel über mich selbst gelernt. Seit sieben Jahren arbeite ich nun als Genesungsbegleiterin im Malteser-Johanniter-Johanneshaus in Siegburg und kann dort anderen Menschen helfen." Am Ende ihrer Schilderungen gibt es einen langen Applaus und man merkt, dass auch dieser Aspekt des Projekts Seele trifft auf Schule Wirkung zeigt: Berührungsängste abbauen, indem man nicht nur über die Erkrankung spricht, sondern psychisch erkrankte Menschen von den Tiefpunkten, aber auch den positiven Entwicklungen in ihrem Leben berichten lässt.

Psychiatrie-Erfahrene, Angehörige und Experten im "Trialog"

Dieser Ansatz ist Teil des sogenannten „trialogischen“ Anspruchs, die das Projekt – wie auch die Gemeindepsychiatrie insgesamt – auszeichnet. Sowohl fachliche Experten aus Medizin, Pflege und Sozialarbeit, aber auch die Betroffenen selbst und ihre Angehörigen kommen zu Wort und können sich mit ihren Perspektiven und Lösungsvorschlägen einbringen. Von den genannten Gruppen fehlt an diesem Tag noch der Beitrag der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen. Davon gibt es gleich mehrere auf dem Podium, war es doch ursprünglich für viele Mitglieder von HfpK die Erkrankung eines Familienangehörigen, die Sie dazu motiviert hat, zunächst im Verein Hilfe zu suchen und sich dann auch dort zu engagieren. Den Anfang macht Dorle Durban, die seit über 30 Jahren ehrenamtlich umfassende Beratungs-, Informations-und Präventionsarbeit für oft verzweifelte Ratsuchende leistet – persönlich vor Ort in Bonn, per E-Mail oder telefonisch über das Seelefon. "Als Angehörige muss man eine Grenze finden und darf sich bei allem Mitgefühl mit dem geliebten Menschen nicht mit in die Krankheit hineinziehen lassen. Die Tätigkeit bei HfpK hat mir geholfen, diese schwierige Balance zu finden." Zustimmung bekommt Durban von Angela Ehlert, die beim HfpK an diesem Tag die Leitung des Projekts von Uwe Flohr übernimmt. Sie erzählt die Geschichte ihrer Schwester, die fast an Magersucht gestorben wäre: "Irgendwann wog sie bei 1,60 Meter Körpergröße nur noch 27 Kilo." Die Erfahrungen mit der Krankheit und die eigene Hilflosigkeit habe Sie sehr belastet. Auch sie kann sich heute besser abgrenzen und riet den Schülern, sich Hilfe zu suchen, wenn Angehörige erkranken und man selbst nicht weiter weiß. Zu guter Letzt kommt dann auch noch einmal ein gerührter Uwe Flohr zu Wort "Ich ziehe mich heute mit 78 Jahren aus dem Projekt zurück. Als ich nach der psychischen Erkrankung meines Sohnes nicht weiter wusste, hat mir HfpK durch die schwere Zeit geholfen. Ich habe in den vielen Jahren meines Engagements versucht, dem Verein zurück zu geben, was er mir gegeben hat." Zurückgeben hat er sehr viel: Er war über Jahre ehrenamtlich und unermüdlich für die Öffentlichkeitsarbeit und das Fundraising des Vereins tätig und hat zum einen zahlreiche finanzielle Förderer gewinnen können, zum anderen viele Preise und Auszeichnungen erhalten, so zum Beispiel den Antistigmapreis der DGPPN [Link]. Peter Breuer, Vorsitzender des HfpK, erinnerte an diese Verdienste und sprach Herrn Flohr im Namen des Vereins seinen Dank aus.

So endet eine spannende, informative und mitunter nachdenkliche Veranstaltung, die den Blick der beteiligten Schüler auf das Thema sicherlich verändert hat. Zum einhundertsten Jubiläum ist klar: Seele trifft auf Schule hat sich als Marke für Aufklärung und Diskussion über psychische Erkrankungen in der Region fest etabliert und leistet wichtige Grundlagenarbeit, um Vorurteile und Stigmata abzubauen – und vielleicht auch um die Bereitschaft bei den jungen Menschen dafür zu schaffen, selber nach Hilfe zu fragen, wenn sie sie brauchen.

Mehr Informationen zum Projekt Seele trifft auf Schule finden Sie unter: www.hfpk.de