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Seelische Krisen und psychische Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen

von Marion Keller

Der Weg hin zum Erwachsenwerden ist nicht leicht. Meist ist er mit einer Vielzahl von Hürden verbunden und läuft nicht selten mit unterschiedlichen seelischen Nöten ab. Verlaufsstudien zufolge steigen psychische Störungen ab dem 11. Lebensjahr proportional an. Deutsche wie internationale Untersuchungen legen in diesem Zusammenhang nahe, dass rund ein Fünftel aller Jugendlichen psychische Auffälligkeiten zeigen. Etwa fünf Prozent der Heranwachsenden in Deutschland und anderen Industrienationen erkranken im weiteren Verlauf an gravierenden psychischen Störungen – das ist nicht wenig und die Zahlen der Neuerkrankungen steigen stetig an. Neben den unterschiedlichen Persönlichkeitsstörungen, der bipolaren Störung und schizophrenen Krankheitsbildern kann dies etwa eine Angststörung, eine Essstörung, eine Depression oder eine Störung des Sozialverhaltens sein. Die Erkrankungen haben für die Betroffenen oft große Auswirkungen auf die Teilhabe am alltäglichen sozialen Miteinander und ein selbstbestimmtes Leben. Sie müssen deshalb als gesamtgesellschaftliche Herausforderung betrachtet werden.

 

Gründe für psychische Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen

„Jugendliche sind besonders anfällig für psychische Erkrankungen“, weiß Prof. Dr. Beate Herpertz-Dahlmann, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Aachen. Heranwachsende haben in der Zeit ihrer Adoleszenz, also während der psychosozialen Pubertät zwischen dem 11. und 21. Lebensjahr, eine Fülle von Herausforderungen und Aufgaben zu bewältigen. Einerseits müssen sie mit den auf die Steuerung von Hormonen zurückzuführenden gravierenden Veränderungsprozessen ihres Körpers zurechtkommen und sich nach und nach in ihre Geschlechterrolle einfinden. Andererseits müssen sie sich allmählich von ihrem Elternhaus ablösen und einen eigenen Freundeskreis aufbauen. Zudem wird erwartet, dass sie eine eigene Zukunftsperspektive und Weltanschauung entwickeln, ihre Grenzen ausloten und lernen für sich und ihre Umwelt Verantwortung zu übernehmen. Insbesondere das Gehirn macht in dieser Zeit viele Entwicklungsschritte durch. Während neuronale Verbindungen, die wenig aktiviert werden, abgebaut werden, kommt es zu einer Optimierung häufig gebrauchte Nervenverbindungen. „Dabei entsteht ein Ungleichgewicht zwischen den kognitiven Kontrollsystemen und denjenigen Systemen, die mit Emotionen assoziiert sind“, erklärt die Kinder- und Jugendpsychiaterin. Wissenschaftler vermuten, dass das limbische System und das Belohnungssystem, die beide für Emotionen zuständig sind, die Oberhand gewinnen über die Areale im Gehirn, die wichtige Steuerungs- und Kontrollfunktionen übernehmen. Neben zahlreichen anderen Gründen, wird gemeinhin dieses Ungleichgewicht dafür verantwortlich gemacht, warum Jugendliche und junge Erwachsene während der Pubertät psychisch besonders labil sind. Der Heran-wachsende ist in dieser Zeit einem Wechselbad aus herabgesetztem Selbstwertgefühl, narzisstischer Selbstüberschätzung und nicht selten daraus resultierenden konflikthaften Interaktionen mit anderen Personen konfrontiert. Stimmungsschwankungen zwischen euphorisch und tieftraurig, Aggression und Rückzugsbedürfnis sind ihre ständigen Begleiter. Damit es allerdings zu einer manifesten psychischen Erkrankung kommt, müssen andere Faktoren begünstigend hinzukommen. Hier sind Veranlagung, wachsender Leistungsdruck in der Schule, schwierige Erlebnisse in der Kindheit, wie etwa die Trennung oder der Tod von Vater oder Mutter, familiäre Strukturen und Belastungen zu nennen. Aber auch Erfahrungen mit Mobbing in der realen und der virtuellen Welt durch Gleichaltrige und exzessives risikosuchendes Verhalten wie Alkohol- und Drogenkonsum zur Kompensation von Problemen können Auslöser für seelische Krisen sein. Experten teilen psychische Erkrankungen im Kindes-, Jugend- und jungen Erwachsenenalter üblicherweise in zwei Großgruppen ein. Die sogenannten introversiven Störungen wie Depression, Angstsyndrom oder Essstörung kommen vermehrt bei Mädchen vor. Sie verletzten sich auch häufiger selbst als Jungs. Dagegen leiden Jungs häufiger unter extroversiven Störungen. Sie verstoßen eher gegen Regeln oder riskieren Kopf und Kragen als das andere Geschlecht.

 

Die häufigsten psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen

Die Angststörung

Über die Entstehung einer Angststörung gibt es unterschiedliche Theorien und Erklärungsansätze. Aus evolutionstheoretischer Perspektive betrachtet, haben Ängste in akuten Gefahrensituationen einem natürlichen Hintergrund und sind so nicht nur etwas Normales, sondern auch etwas Wichtiges. Nach Erhebungen des Robert Koch-Instituts zur psychischen Gesundheit von Kindern- und Jugendlichen (BELLA-Studie) leiden jedoch rund 10 Prozent der Heran-wachsenden in Deutschland an einer akuten Angststörung in Form von Trennungsangst, Phobien gegenüber bestimmten Situationen, Objekten oder Tieren, sozialer Phobie und generalisierter Angststörung. Sie können ihre normale Entwicklung erheblich beeinträchtigen. Verantwortlich für stark auftretende, übersteigerte, über mehrere Monate anhaltende, krankhafte Formen der Angst ist ein Zusammenbeispiel von biologischen und psychologischen Faktoren der persönlichen Lebensgeschichte. Als belegt gelten familiäre Häufungen von Angststörungen, wobei weibliche Angehörige gegenüber den männlichen ein doppelt so hohes Risiko für die Entstehung dieser Störungsform tragen. Aber auch der Erziehungsstil der Eltern kann zur Entwicklung einer Angststörung beitragen. So deuten Untersuchungen darauf hin, dass Überbehütung, ein hohes Maß an Kontrolle sowie zu wenig emotionale Nähe und Feingefühl gegenüber dem Heranwachsenden das Risiko für eine Angsterkrankung erhöhen.

Die Symptome dieses Störungsbildes zeigen sich auf drei unterschiedlichen Ebenen – der körperlichen, der gedanklichen und der Verhaltens-Ebene. Typische körperliche Anzeichen für eine krankhafte Angst sind Herzklopfen, Zittern, Schwitzen, Kopfschmerzen, Bauch-schmerzen und Übelkeit. Begleitet werden diese Symptome von quälenden angstspezifischen Gedanken wie etwa, „ich schaffe das nicht“, „ich kann weniger als die anderen“, „er/sie wird mich bestimmt verlassen“, „ich kann da nicht hingehen“ usw. Und auch auf das Verhalten wirkt sich eine Angststörung aus. Typisch sind Weinen, Weglaufen, Anklammern, Schweigen, Erstarren, Rückzug und Vermeidung von angstbesetzten Situationen, wie das Teilnehmen an Prüfungen und das Abhalten von Referaten oder die Gegenwart anderer Menschen. „Viele betroffene Jugendliche berichten von einem verhängnisvollen Teufelskreis aus negativen Erfahrungen, Vermeidung, erneutem Versagen und zunehmender Angst“, berichtet Frau Prof. Dahlmann. Ob tatsächlich eine krankhafte oder eine altersgerechte Angst vorliegt, ist durch einen Facharzt oder Psychologen in einem ausführlichen Gespräch mit den Eltern und dem Betroffenen zu klären. Liegt eine Angststörung vor, wird zu einer Psychotherapie in Form einer Verhaltenstherapie geraten, in der der Jugendliche bzw. junge Erwachsene lernt, angstfördernde Gedanken zu erkennen und abzubauen. Unter Umständen ist daneben eine medikamentöse Therapie mit angstlösenden Antidepressiva angezeigt.

Depression

Auch eine Depression im Kindes- Jugend- und jungen Erwachsenenalter ist eine ernstzunehmende psychische Erkrankung. Schätzungen zufolge, die auf der sogenannten Bella-Studie basieren, leiden bis zu 3,4 % der Grundschulkinder und bis zu 8.9 % der Jugendlichen an dieser Störung. Bis zur Pubertät erkranken Jungs genauso häufig wie Mädchen an einer Depression, in der Pubertät erkranken Mädchen häufiger als Jungs. Meist sind depressive Phasen bei Jugendlichen kürzer als bei Erwachsenen und lassen innerhalb von ca. drei Monaten nach. Jedoch tragen rund 80 % der Jugendlichen bei ausbleibender Behandlung ein Rückfallrisiko und damit die Gefahr einer Chronifizierung der Erkrankung. Wichtig zu wissen ist, dass eine depressive Erkrankung einer frühzeitigen Diagnostik und Behandlung bedarf, da sie gravierende Folgen haben kann. Es kommt zur Schwierigkeiten in der Schule und im sozialen Umgang mit Gleichaltrigen, das Risiko für einen Alkohol- und Drogenmissbrauch steigt oder es treten sogar Suizidgedanken auf.

Die Symptome einer Depression variieren stark. Bei Kindern kennzeichnen diese Störung Schwergewicht, erhöhte Ängstlichkeit, körperliche Beschwerden, heftige Temperamentsausbrüche und Verhaltensprobleme wie etwa Aggressionen und rebellisches Verhalten. Bei den etwas älteren Kindern treten meist Symptome wie mangelndes Selbstbewusstsein, Schuldgefühle und das Gefühl der Hoffnungslosigkeit („bringt doch eh alles nichts“) zum Vorschein. Außerdem zeigt sich nicht selten auch eine ausgeprägte und dauerhafte Gereiztheit, die häufig als Anzeichen für die Pubertät fehlinterpretiert wird. Jugendliche neigen zudem bei einer depressiven Erkrankung vermehrt unter Wertlosigkeitsgefühlen, Freudlosigkeit, Interessenverlust, Rückzug, Schlaf- und Appetitstörungen, Libidoverlust, Selbstverletzungen und Suizidgedanken. Die Ursachen für eine Depression sind vielfältig. Wie bei den meisten psychischen Erkrankungen, ist auch bei dieser Störung von einer bio-psycho-sozialen Entstehungshistorie auszugehen. Häufig besteht eine genetische Veranlagung. Aber auch psychosoziale Faktoren spielen bei der Entstehung eine gewichtige Rolle.

Typische Risikofaktoren sind hier anhaltende familiäre Probleme, Trennung der Eltern, schwere Erkrankungen oder Todesfälle in der Familie, schulische Über- oder Unterforderung und Versagen in der Schule, Mobbingerfahrungen, eine unerwünschte Schwangerschaft, sexueller Missbrauch und körperliche Misshandlung, sowie Alkohol- und Drogenmissbrauch. Die Therapie einer Depression umfasst in der Regel mehrere Behandlungsebenen und richtet sich nach Ausprägung und Schwergrad. Meist werden psychotherapeutische Verfahren alleine oder auch in Kombinationen mit Medikamenten (Antidepressiva) eingesetzt. Die beste Evidenz zeigt sich derzeit in ein der Verordnung einer Therapie mit verhaltenstherapeutischen Elementen. Hier lernen die Betroffenen sich besser zu verstehen, mit Stress umzugehen, das Selbstwertgefühl wiederzuerlangen und zwischenmenschliche Beziehungen wieder zu verbessern. Weiterhin ist angeraten ein sogenanntes trialogische Behandlungskonzept zu verfolgen, bei dem ein tragfähiger Dialog zwischen dem Betroffenen, seinem Therapeuten und den anderen Bezugspersonen wie den Eltern, Geschwistern, Lehrern oder Freunden hergestellt wird. Erste Anlaufstelle bei einem Verdacht auf eine Depression ist immer der Hausarzt. Er kann abklären inwieweit eine psychotherapeutische Maßnahme und die Verordnung Medikamenten angeraten ist und dementsprechende Überweisungen zum Facharzt und Psychologen ausstellen.

Essstörungen

Bei einer Essstörung denken viele Menschen zunächst an eine Magersucht. Bei Heranwachsenden können jedoch unterschiedliche Formen einer Essstörung auftreten, die mitunter zu gefährlichen körperlichen Komplikationen führen und als ernstzunehmende Störung dringend behandlungsbedürftig sind. Neben der klassischen Magersucht gehören Ess-Brech-Sucht und Essanfallsstörungen dazu. Gemeinsam haben alle drei Formen, dass die Betroffenen aufs Essen fixiert sind und ihre Gedanken nur noch um dieses Thema kreisen. Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) des Robert-Koch-Instituts kam zu dem Ergebnis, dass bei etwa einem Fünftel aller 11- bis 17-Jährigen in Deutschland der Verdacht auf eine Essstörung vorliegt. Während bei den jüngeren Teilnehmern der Studien der Anteil auffälliger Mädchen und Jungen etwa gleich verteilt ist, erhöht sich mit zunehmendem Alter der Anteil auffälliger Mädchen und der der Jungen reduziert sich. Bei jedem dritten Mädchen zwischen 14 und 17 Jahren gibt es Hinweise auf eine Essstörung, bei den Jungen sind 13,5 Prozent auffällig.

Der Verdacht auf eine Magersucht (Anorexia nervos) liegt nahe, wenn Mädchen oder Jungen eine strickte Diät beginnen und die Nahrungsaufnahme einschränken, sich mit einer Kalorientabelle auseinandersetzen, übertriebenen körperlichen Aktivitäten nachgehen, beginnen Appetitzügler zu sich zu nehmen oder Medikamente zum Entwässerung, um das Körpergewicht zu reduzieren. Charakteristisch für die Magersucht ist das Bedürfnis des Gewichtsverlustes aufgrund der Angst vor einem zu dicken Körper. Im Verlauf der Erkrankung stellen die Betroffenen die Nahrungsaufnahme immer weiter ein und empfinden sich trotz deutlichen Gewichtsverlusts weiterhin als zu dick. Dem liegt eine Störung in der Selbstbildwahrnehmung zugrunde, die mit der Realität nicht übereingeht. Auslöser kann aber auch das heutzutage medial vermittelte, unhinterfragte und unrealistische Schönheitsideal sein, nach dem nur ein extrem schlanker Körper ästhetisch und begehrenswert ist. Da die Magersucht lebensbedrohliche Formen annehmen kann, sollte bei Verdacht auf diese Form der Essstörung möglichst schnell professionelle Hilfe aufgesucht werden.

Eine Ess- und Brech-Sucht (Bulimia nervosa) geht mit wiederholten anfallartigen Heißhungerattacken einher, bei denen in kurzer Zeit große Mengen meist besonders fetthaltiger und zuckerreicher Lebensmittel zugeführt werden. Danach versuchen sich die Betroffenen der aufgenommenen Nahrung wieder zu entledigen, meist durch ein selbstausgelöstes Erbrechen. Aber auch Fasten, übermäßige körperliche Aktivitäten und der Missbrauch von Abführmitteln und entwässernden Medikamenten sind hier Gegenmaßnahmen zur Gewichtszunahme. Typisch an diesem Krankheitsbild ist, dass die Betroffenen sowohl ihre Essanfälle als auch das anschließende Erbrechen versuchen vor ihrer Umwelt zu verheimlichen. Wie auch bei der Magersucht, liegt auch der Bulimia nervosa eine gestörte Selbstwahrnehmung und eine übermäßige Beschäftigung mit der eigenen Figur und dem Gewicht zugrunde. Risikogruppen sind insbesondere Hochleistungssportlern und Models.

Bei der Binge Eating Disorder (oder psychogene Adipositas) verschlingen die betroffenen Kinder- und Jugendliche innerhalb einer kurzen Zeit große Mengen an Nahrungsmitteln, ohne dass sie diese anschließend wieder erbrechen. Hier dient die übermäßige Nahrungsaufnahme dem Abbau von Spannungen, Stress und Konflikten. Das Hunger- und Sättigungsgefühl entspricht hier nicht mehr dem tatsächlichen Bedarf des Körpers an Kalorienaufnahme. Langfristig können im Rahmen dieser Störung nicht nur Schäden durch das Übergewicht wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gelenk- und Wirbelsäulenschäden oder Diabetes auftreten, sondern auch ein Vitamin- und Mineralstoffmangel, da die Betroffenen grundsätzlich bevorzugt Lebensmittel konsumieren, die keinen hohen Nährstoffgehalt haben und reich an Kohlenhydraten sind.

 

Störungen des Sozialverhaltens

Zu den normalen Entwicklungsphasen von Heranwachsenden gehören ein gewisses oppositionelles Trotzverhalten und dissoziale Verhaltensweisen wie Lügen, kleinere Diebstähle und gelegentliche körperliche und dissoziale Verhaltensweisen. Sie dienen dem Austesten von Grenzen, der Erkundung des eigenen Einflusses, der Abgrenzung und der Identitätsentwicklung des Kindes. Im Verlauf der Adoleszenz verliert sich ein solches Verhalten meist und der junge Mensch lernt zunehmend, seine aggressiven und antisozialen Impulse zu kontrollieren. Einigen gelingt die allmähliche Kontrolle über ihre Impulse, die normgerechte Reifung und Sozialisation allerdings nicht. In diesem Fall liegt unter Umständen eine Störung des Sozialverhaltens vor. Darunter versteht man ein sich durchziehendes Muster aggressiver, oppositioneller und dissozialer Verhaltensweisen vor dem Hintergrund des Entwicklungsniveaus eines Heranwachsenden. Das Verhalten ist dadurch gekennzeichnet, dass es wiederholt, deutlich normverletzend ist und altersentsprechende Erwartungen regelmäßig zuwider läuft. Es beruht nicht nur auf einer vereinzelten dissozialen oder delinquenten Verhaltensweise. Um eine Störung des Sozialverhaltens zu attestieren, muss es zu einer Häufung von Verhaltensweise aus den Bereichen des aggressiven oder grausamen Verhaltens gegenüber Menschen und Tieren, erheblicher Destruktivität gegenüber fremden Eigentum, Lügen, Betrug, Diebstahl und schweren Regelverstößen kommen. Aber auch Ungehorsam, Wutausbrüche, Schulschwänzen oder Weglaufen sind mögliche Hinweise auf das Vorliegen dieser Erkrankung.

Als behandlungsbedürftig werden oppositionelle und antisoziale Verhaltensweisen eingestuft, die über mehrere Monate vorliegen, stark ausgeprägt sind oder sich negativ auf soziale Bereiche wie das Familienleben, den Kindergarten, die Schule oder die Berufsausbildung auswirken. Die Ursachen für die Störung des Sozialverhaltens sind neben biologischen Faktoren, Umweltfaktoren, und bestimmten Eigenschaften des Heranwachsenden (Temperament, Impulskontrolle) hauptsächlich in der Erziehung zu suchen. So haben Temperament oder etwa Geburtsfaktoren für sich genommen keinen wesentlichen Einfluss auf eine spätere Verhaltensstörung, sondern vielmehr die Art und Weise, wie Eltern oder sonstige Erziehungspersonen auf die besonderen Eigenschaften des Kindes eingehen. Häufig leidet die Erziehung im Bezug auf die besonderen Eigenschaften des Kindes unter Faktoren wie Desinteresse, Zeitmangel oder Stress, mangelnde soziale Unterstützung und psychischen Problemen. Leiden die Eltern etwa unter einer psychischen Erkrankung wie einer Depression, Alkohol- oder Drogensucht, so ist dies häufig der Nährboden für eine soziale Störung, da in ihrer Situation oft nicht für das Kind da sein können und ihrer Vorbildfunktion zuwider agieren. Ebenso können sich Stress und mangelnde Erziehungskompetenz bereits für Kinder im Vorschulalter negativ auswirken und die Stabilität aggressiven Verhaltens fördern. Auch Gewalterfahrungen im Elternhaus gelten als Ursache für Fehlentwicklungen. Denn Eltern die selbst ein gewalttätiges Verhalten zeigen, übertragen dieses Verhalten auf das Kind, dies belegen Studien. Danach geben 25 bis 40% der misshandelten Kinder die Gewalt weiter und üben sie an Dritten aus. Daneben fehlt es in der Familie auch häufig an einem festen Lebensrhythmus und einem konsequenten Erziehungsverhalten, das geprägt ist durch Regeln und Strukturen, wie sie gerade sehr unruhige und impulsive Kinder oder Kinder mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung brauchen.

Besonderer Bedeutung kommt bei Jungen auch dem negativen Einfluss durch die sogenannte Peer-Gruppe, d.h. dem Einfluss Gleichalteriger, zu, etwa in Bezug auf Substanzmissbrauch und aggressiv-dissozialem Verhalten. Bei einer Chronifizierung der Störung besteht das Risiko, keinen angemessenen Schul- oder Ausbildungsabschluss zu erreichen. Auch können sich Folgeerkrankungen wie Depression, Angststörung oder eine Suchterkrankung einstellen. Vielfach ist auch eine Verdrängung aggressiv-dissozialer Heranwachsender in Außenseitergruppen zu beobachten, da aggressive Jugendliche von anderen Gleichaltrigen abgelehnt und ausgegrenzt werden. Wie bereits erwähnt ist für eine erfolgreiche Behandlung dieser Störung unerlässlich, dass therapeutische Maßnahmen frühzeitig angesetzt werden. Diese werden abhängig von den Ursachen für die Störung gestaltet und setzten an unterschiedlichen Punkten an. Zur Diagnostik und der Zuordnung zu einer geeigneten Therapieform werden Familienbeziehungen, Schul- bzw. Arbeitsmilieu, Peergruppen-Zughörigkeit und Freizeitverhalten des Betroffenen untersucht.

In der Regel wird zur Behandlung ein Psychiater eingeschaltet und im Weiteren eine verhaltenstherapeutische Maßnahme eingeleitet, in der der Heranwachsende lernt impulsive und aggressive Verhaltensweisen zu kontrollieren. Auch werden mitunter die Eltern in die Therapie einbezogen, sind familiäre Bedingungen doch der entscheidende Auslöser für das normwidrige Verhalten des Betroffenen. Gleichzeitig werden oft Maßnahmen ergriffen, die der Fortsetzung der schulischen oder beruflichen Laufbahn und dem Training alltagspraktischer und sozialer Fertigkeiten dienen.

Soweit die Übersicht über die häufigsten seelischen Erkrankungen bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen, ihre Ursachen und Behandlungsformen. Wie Inklusion und Teilhabe für Menschen mit psychischen Erkrankungen praktisch umgesetzt werden können, darum geht es im zweiten Teil der Artikelserie, der demnächst erscheint.

Marion Keller ist diplomierte Medienwissenschaftlerin aus Köln und hat Rechtswissenschaften in Frankfurt studiert.

 

 

Quellen

Barmer: Barmer Gesundheitsreport 2016.
www.barmer.de/arbeitgeber/infothek-arbeitshilfen/infothek/gesundheitsreport-65454

Robert-Koch-Institut: Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS Welle 1).
www.kiggs-studie.de/deutsch/ergebnisse/kiggs-welle-1.html

Berufsverbände und Fachgesellschafte für Psychiatrie, Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychotherapie, Psychosomatik, Nervenheilkunde und Neurologie Deutschland / Schwei: Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie.
www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/kinder-jugend-psychiatrie/erkrankungen