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Grundlagen der Integrierten Versorgung

Umsetzung eines zukunftsweisenden Modells der psychiatrischen Versorgung durch die Mitgliedsorganisationen des Dachverbands Gemeindepsychiatrie

Die Integrierte Versorgung (IV) ist ein Modell zur Behandlung und Betreuung von Patientinnen und Patienten, die mit sektorenübergreifendenund vernetzten Strukturen in ihrem Lebensumfeld versorgt werden sollen. Die Integrierte Versorgung für Menschen mit psychischen Erkrankungen wird größenteils ambulant und von regionalen, multiprofessionellen Teams durchgeführt. Derzeit sind 36 Mitgliedsorganisationendes Dachverbands Anbieter dieser Leistungen.

Die IV in Deutschland wurde durch die Einführung des § 140 a bis d des Sozialgesetzbuches (SGB) V seit dem Jahr 2000 ermöglicht. Diese Gesetzesinitiative war am Anfang ein Versuch, die Akteure vor Ort (Ärzte, Kliniken, Anbieter ambulanter Hilfen) zu vernetzen, umdadurch eine verbesserte Versorgung zu erreichen. Erste Initiativen gab es in Deutschland schon seit der Psychiatrie-Enquete durch verschiedene Akteure und Gesetzesinitiativen, aber erst seit 2009 wurden ernsthafte Umsetzungsversuche im psychiatrischen Bereich unternommen. Seitdem gab es auch immer wieder gesetzesbedingte Umsetzungsproblematiken. Diese wurden durch die Einführung des neuen § 140a SGB V im Jahr 2015 größtenteils gelöst. Das Sozialgesetzbuch V selbst regelt alle Dinge, die die Krankenkassen und deren Leistungen betreffen. Die IV wird durch sogenannte Selektivverträge einiger Krankenkassen mit Anbietern von IV-Leistungen geregelt. Diese Selektivverträge bieten die Möglichkeit, innovative Modelle mit den Kassen auszuhandeln, beinhalten aber das Problem, dass IV bisher nur den Menschen zur Verfügung steht, die bei Krankenkassen mit einem solchen Vertrag in der Angebotspalette versichert sind. Die Einschreibung des einzelnen Kassenmitglieds ist wiederum freiwillig - wichtig dabei ist, dass der Mensch, der sich eingeschrieben hat, weiterhinauf alle Angebote der Regelversorgung (Arzt, Facharzt, Klinikenusw.) zugreifen kann – denn die Behandlung im Rahmen der IV ist ein zusätzliches Angebot. Ein Hauptziel ist die Verbesserung der ambulanten Angebotsstruktur. Gleichzeitig sollen aber auch Einsparungenvon Kosten der stationären Behandlung möglich gemacht werden.

Die innovativen Möglichkeiten der Integrierten Versorgung

In der bisherigen Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen standen die Behandlungsangebote unvernetzt nebeneinander, es fand kaum Austausch zwischen den verschiedenen Behandlern und Unterstützern statt. Manchmal arbeiteten sie sogar gegeneinander. Anders funktioniert die IV, deren Grundlage eine Vernetzung der vor Ort tätigen Akteure im Sinne einer individuellen, bedürfnisangepassten Versorgung bildet. Die ambulante und lebensweltorientierte Behandlung wird außerdem komplettiert durch den Aufbau und den Einsatz von neuen Modulen. Dazu gehört ein Ambulantes Psychiatrisches Zentrum, das 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr erreichbar ist – dies bietet den eingeschriebenen Menschen und ihren Angehörigendie Sicherheit, dass sie jederzeit eine Fachkraft erreichenkönnen, die ihnen sofortige Hilfe anbieten kann. Darüber hinaus musseine Fachkraft, wie bei einem Teil der IV-Verträge geregelt, im Krisenfall innerhalb von einer Stunde beim betroffenen Menschen sein. Die Fachkräfte sind Bestandteil eines multiprofessionellen Teams, das aus Sozialarbeitern, Soziotherapeuten, Pflegekräften, entsprechend geschulten Psychiatrie-Erfahrenen besteht und im Netzwerk mit Ärzten, Psychotherapeuten und Klinken arbeitet. Die Netzwerkarbeitübernimmt dabei in erster Linie der sogenannte „Fallmanager“, so dass im Bedarfsfall die Hilfen vernetzt und individuell angepasst werden können.

Schreibt ein Mensch sich in die Integrierte Versorgung ein, dann bekommter im Regelfall einen solchen Fallmanager, der für ihn zuständigist. Dieser entwickelt gemeinsam mit ihm einen Behandlungsplan. Das geschieht unter Hinzuziehung der ärztlichen Beurteilung überdie Schwierigkeiten, die Ziele und die Möglichkeiten des Einzelnen. Dieser Behandlungsplan beinhaltet Maßnahmen zur Stabilisierungund im Besonderen einen individuellen Krisenplan. In diesem sind dieMaßnahmen verzeichnet, die dem jeweiligen Menschen helfen, eineseelische Krise besser zu bewältigen oder sogar bereits im Vorfeld abzuwenden.

Ein weiteres Modul der IV ist das Krisenbett in der Gemeinde. Hier können Menschen, die in der Krisensituation Abstand von ihrem häuslichen Umfeld brauchen, kurzfristig aufgenommen werden. Ganz wichtig bei der IV ist die Beziehungsarbeit zwischen Fallmanager und dem Patienten. Bei der Beziehungsarbeit, die auf regelmäßigen Kontakten beruht, wird ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis aufgebaut. Dabei sind bei den Kontakten auch die Angehörigen, die engsten Freunde und alle für den Menschen wichtigen Bezugspersonen angesprochen.

Integrierte Versorgung in der Praxis

Der Dachverband Gemeindepsychiatrie hat sich früh für dieses Behandlungsmodell, welches seinen Werten und Zielen einer vorrangig ambulanten und nutzerzentrierten psychiatrischen Unterstützung entspricht, stark gemacht und seit dem Jahr 2007 angefangen, einen Mustervertrag für seine Mitglieder auszuhandeln. Nach zweijährigen Verhandlungen wurde ein solcher Vertrag mit der Techniker Krankenkasse erarbeitet und bildet die Grundlage für die Umsetzung der IV in zwölf Bundesländern durch Träger der Gemeindepsychiatrie. Diese haben in den meisten Fällen Managementgesellschaften gegründet, die IV-Verträge mit den Kassen abschließen und die ausführenden Leistungserbringer vor Ort vertraglich einbinden. Die Vertragsnehmer und Leistungserbringer aus der Mitgliedschaft des Dachverbandes Gemeindepsychiatrie haben sich 2010 zur Bundesarbeitsgemeinschaft Integrierte Versorgung (BAG IV) zusammengeschlossen. Die Mitglieder der BAG IV haben sich zum Ziel gesetzt, eine bedürfnisangepasste, qualitativ hochwertige, leitlinienorientierte Integrierte Versorgung bundesweit auszubauen und umzusetzen. Im Jahr 2015 waren 12.700 Menschen in die IV-Verträge der Mitglieder der BAG IV eingeschrieben – somit ist dieser Zusammenschluss bundesweit das größte Netzwerk. Durch den ständigen Austausch der Mitglieder auf allen Ebenen wird die praktische Umsetzung immer mehr verbessert. So ist die Patientenzufriedenheit mit diesem Angebot hoch, und laut Studien hat sich das Angebot positiv auf die Lebensqualität dereingeschriebenen Menschen ausgewirkt. Das Ziel der Reduzierung der stationären Aufenthalte wurde ebenfalls erreicht. Die nächsten Ziele der Mitglieder der BAG IV sind die ständige Verbesserung des Angebotes, die weitere Etablierung und die Öffnung des Angebotes für alle Menschen mit entsprechendem Bedarf.